Aschaffenburger Häuser aus der Zeit Ernst Ludwig Kirchners
Altstadtfreunde und Kirchnerhaus zeigen Parallelen zu Kirchners Architektur-Entwürfen auf
Der in Aschaffenburg 1880 geborene weltbekannte Künstler des Expressionismus hatte Architektur studiert, bevor er als Künstler hervortrat. 1905 schloss er sein Studium mit einer Arbeit zur Gestaltung eines großstädtischen Friedhofs ab. Die Zeit um 1900 war auch in der Architektur eine Zeit des Umbruchs, in der traditionelle und neuere Strömungen aufeinandertreffen, erklärte Bruno Geißel, ehemals als Leiter des Bauordnungsamtes zuständig für die Denkmalpflege, den zahlreichen Gästen. Der Altstadt-Friedhof, 1809 neu errichtet, danach immer wieder erweitert, kann als Bauaufgabe Friedhof und mit der Aussegnungshalle von 1913 und dem Ehrenhain in seiner Anmutung und räumlichen Gliederung mit Details aus Kirchners Diplomarbeit verglichen werden
Auf einem Streifzug durch die Herstallstraße bis zum Gentil-Haus in der Grünewaldstraße zeigte Geißel weitere architektonische Beispiele aus der Zeit kurz nach 1900. Auf die Vielfalt der Formen des Historismus zu Zeiten Kirchners konnte er insbesondere in der Herstallstraße 10 bis 14 und 28 hinweisen. Der Historismus war geprägt durch Rückgriffe auf Elemente der Neogotik (Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke Roßmarkt/Hinter der Eich von1906 mit neugotischen Eingangsrahmungen), Neorenaissance oder des Neobarocks (Herstallstraße 10 mit neubarocker Fassade von 1903, Grünewaldstraße 27 Villa mit neobarocker Fassade von 1913), im Stilmix eklektizistisch manchmal auch in einem einzigen Gebäude vereint (Grünewaldstr. 7 Villa von 1902 in einer vornehmen Villengegend der Zeit um 1900).
Die Reaktion darauf waren Reformarchitekturen, die sich auch in den überlieferten Entwürfen Kirchners zeigen. Es sollte was Neues entstehen: Jugendstil (Aussegnungshalle Altstadtfriedhof von 1913, repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke Landing-/Dalbergstraße von 1905, Grünewaldstr. 12 TVA-Turnhalle von 1905), Englischer Landhausstil als Arts and Crafts Movement (Lindenallee 26 Wohnhaus von Anton Gentil von 1908, Grünewaldstraße 20 Villa für Gentils Kunstschätze und heute ein Museum der Stadt Aschaffenburg – besonders in der Innenarchitektur und dem Mobiliar finden sich viele Parallelen zu Kirchners Entwürfen) und Frühe Moderne (Herstallstraße 28: modernes Wohn- und Geschäftshaus ohne historisierende Neostile).
„Kirchner orientierte sich bei seinen Studienskizzen an den Standards seiner Zeit, einer Zeit des Umbruches von Historismus zu Reformstilen wie Jugendstil, Arts and Crafts Movement sowie Anklängen der Neuen Sachlichkeit”, fasste Geißel zusammen. Diese Architektur, das konnte er zeigen, gab es um 1900 auch in Aschaffenburg, „weniger ausgeprägt und zeitlich verzögert, aber der Geist dieser Zeit ist auch in unserer Stadt erlebbar”, so Geißel. Dem stimmte Wilfried Kaib, 2. Vorsitzender des Vereins Kirchnerhaus Aschaffenburg und Initiator dieses vergleichenden Rundgangs, zu: „Das Studium von Kirchners Arbeit als Architekt und Geißels Analysen konnten tatsächlich unseren Blick auf Architektur in Aschaffenburg schärfen.”

