Die Löwenapotheke am Stiftsplatz galt bis zur Zerstörung als das schönste Bürgerhaus Aschaffenburgs. Dass der Fachwerkbau nach altem Vorbild rekonstruiert wurde, hängt unter anderem mit dem Verein “Wiederaufbau Löwenapotheke e. V.” zusammen. Dieser trägt heute den Namen Aschaffenburger Altstadtfreunde e. V.”

Das markante Einzelgebäude behauptete und behauptet sich als hochwertiger Teil des umgebenden Ensembles, nicht zuletzt der Stiftskirche. Ihr war im Mittelalter ein Friedhof vorgelagert. An der Mauer, die ihn zum Platz begrenzte, bestanden etwa bis an ein der Löwenapotheke benachbartes Haus Verkaufsstände. Im 15. Jahrhundert wurde der Friedhof aufgelassen. Die frühere Grenze des Friedhofs markierte dann die alte Stiftsfreiheit mit den Figuren der Stiftspatrone. Um diese Zeit führte eine steile Treppe zum Paradies und zum Eingang der Kirche, die zuvor nur über die Stiftsgasse zu erreichen waren. Von 1723 datiert die monumentale doppelläufige Treppenanlage. in die man die Figuren der Patrone integrierte. Zwei Phasen der Baugeschichte des Stifts veränderten grundlegend den Eindruck des Platzes. Die Maria-Schnee-Kapelle von 1516 orientierte das Gotteshaus zum Stiftsplatz. Die ihr 1882 vorgeblendete neugotische Schaufassade steigerte den dominierenden Charakter der Kirche. Im gleichen Jahr kam der ebenfalls neugotische Stiftsbrunnen hinzu. Einen radikalen Bruch brachte 1956 der Bau des kubischen Rathauses, das nicht nur an italienische Palazzi anknüpfte, sondern in seiner Baumasse selbstbewusst die Bürgerschaft der Kirche gleichstellte.
In diesem Kern der Altstadt wendete sich der Kopfbau, das ursprünglich selbstständige Haus “Zur weißen Taube” mit der Schauseite zum Platz. Das dekorative Fachwerk der Mittelachse zog zu allen Zeiten den Blick auf sich. Der Aschaffenburger Häuserexperte Alois Grimm ging allerdings davon aus, dass der Giebel eines Vorgängerbaus der Dalbergstraße zugewendet war. Rechts davon, auf der Fläche des heutigen Stiftsglöcknerhauses. stand seinerzeit ein weiteres giebelständiges Fachwerkhaus.
Der Eingang zum Eckbau lag zunächst an der rechten Hauskante. Nach links schlossen sich, dem Rekonstruktionsversuch zufolge, vier Ladenfenster über ebener Platzfläche an. Die Läden konnten vermutlich, der Praxis der Zeit entsprechend, ausgeklappt werden und als Verkaufstische dienen. Zur Dalbergstraße hat es wohl keine Öffnungen gegeben. Das Erdgeschoss dürfte als “hohe Halle” mit Fensteröffnungen auf beiden Fronten ausgebildet gewesen sein, als übliche Form einer kaufmännischen oder gewerblichen Nutzung.
Die Renaissancezeit brachte den Einbau einer über sechs Teilungen laufenden Fenstergalerie im Hauptgeschoss. Mit der Aufwertung zur Residenz Ende des 18. Jahrhunderts wurden beide Gebäude verputzt. Fachwerk erfüllte nicht die aktuellen Ansprüche an Repräsentation. Zudem rückten die Fenster in senkrechte Achsen. Der Güldene Löwe zeigte ein deutlich einfacheres Fachwerk, dessen Giebel um 1800 durch eine traufständige Fassade mit einem Zwerchhaus ersetzt wurde.
Der Löwe stieß an den 1777 beseitigten Döngesturrn, ein altes Stadttor. Es ist nicht bekannt, wann die an den Turm anstoßende Fläche dem Komplex der Löwenapotheke zugeschlagen wurde. Sie ermöglichte einen neuen Zugang zu den zwischen 1671 und 1712 vereinigten Häusern. Die Front zum Platz konnte, ebenso wie zur Dalbergstraße abgeschrägt werden. Das Abflachen der damaligen Hauptverkehrsachse Dalbergstraße war ein wichtiges Anliegen der Stadtplanung.
1925 erlebten die Gebäude eine Restaurierung und sorgfältige Wiederherstellung des Fachwerks im Sinn des Zustands vor 1800. Dabei hat man den Putz sowie eine später angebrachte Blechverkleidung beseitigt und die Fenstergalerie wieder hergestellt, nun allerdings mit fünf Öffnungen. Das Haus galt zu jener Zeit als ein herausragendes Baudenkmal. Kommunen entdeckten seinerzeit den Wert prächtiger Fachwerkgebäude für das Stadtbild und den Fremdenverkehr. Die Stadt Aschaffenburg und der Kreis Unterfranken leisteten erhebliche Zuschüsse zu den Sanierungsarbeiten.
Die erste Erwähnung des Kopfbaus findet sich 1482 als Haus des Büchsenmachers Hans Bergmann, der einem Hermann Spies nachfolgte. Im benachbarten Haus erscheint wohl ab 1600 die Apotheke “Zum güldenen Löwen”. Möglicherweise hat es vor dem 1626 verbürgten Apotheker Hildebrand Schultheis (später in Prätor latinisiert) einen Vorläufer gegeben. Bis 1829 führten die Familien Prätor die Apotheke. Neun Eigentümer folgten bis 1895, dann die Familie Pistor /Mayer, die zum Teil Verwalter beschäftigte. Bis zur Zerstörung blieb das Anwesen eine Apotheke. Zuletzt führte der Eingang über eine Treppe im unteren Haus in den Verkaufsraum, dahinter dehnte sich ein gewölbter Vorratskeller. Im oberen Haus lagen Büro und Funktionsraum der Apotheke.
Sie bildete mit dem Stiftsglöcknerhaus, dem Stiftskapitelhaus mit seiner Terrasse sowie dem Stift und mit der an der Stiftsgasse gegenüber liegenden Bebauung dank der Schrägstellung der Bauten ein geschlossen wirkendes Polygon. Dieses Ensemble vereinte am Ende das Fachwerk der Löwenapotheke, Barock, Neugotik, Gotik des Turms und eine Gaststätte, die Jugendstil mit Fachwerk kombinierte. Die Löwenapotheke dominierte dabei die Blickachsen aus der Pfaffengasse und aus der südlichen Dalbergstraße.
Nach der Kriegszerstörung 1944/45 war die Ruine ein Schuttgrundstück, das 1984 unnötig schnell planiert wurde. In einer durch nächtliche Raubgrabung beeinträchtigten Notgrabung konnten aus Vorgängerbauten des 14. Jahrhunderts Scherben von Kachelöfen und Gebrauchskeramik sowie Apothekengerätschaften des 17. Und 18. Jahrhunderts gesichert werden.
1982 unterbreitete der Arbeitskreis Denkmalpflege im Geschichts- und Kunstverein einen Vorschlag zum Wiederaufbau. 1984 brachte ein Architektenwettbewerb einen Entwurf zur modernen Bebauung der Darmstädter Architekten Diercks und von Wehrden. Er nahm die Giebelständigkeit zum Platz ebenso auf wie die Höhenentwicklung, an der Schräge zum Platz allerdings nur in einem Teil. An der Dalbergstraße setzten sich die bereits von der Wermbachstraße her bestehenden Arkaden fort. Den Übergang zur Schräge markierte ein turmartiger Vorbau mit Zwerchhaus.
Der Vorschlag rief im Jahr 1984 nicht nur Kritik hervor, sondern eine Bürgerbewegung. Im März 1985 lagen 7000 Unterschriften zugunsten eines Wiederaufbaus des historischen Bauwerks vor. Es gründete sich der Verein “Wiederaufbau Löwenapotheke e.V. – Aschaffenburger Altstadtfreunde.” Er stieß auf eine erbitterte Gegnerschaft der städtischen Bauverwaltung, die eine Rekonstruktion als “Disneyland” abwertete. Der Verein klärte in mehreren Informationsveranstaltungen auf, dass eine fachgerechte und mit den technischen Konstruktionen des alten Fachwerkbaus ausgeführter Wiederaufbau möglich sei- 1986 sollte ein weiterer Architektenwettbewerb den Bürgerforderungen das Wasser abgraben. Immerhin war die Rekonstruktion als mögliche Variante zugelassen, hatte freilich bei der Zusammensetzung des Preisgerichts keine Chance auf einen vorderen Rang. Der Siegerentwurf sah eine Stahlskelettfassade zum Platz vor, ganz im Sinne des “Bekenntnisses zur Zeit.” Im Sinne der Bürger war diese Lösung sicher nicht. Sie wirkte eher als Provokation, weil ihr gegenüber der frühere moderne verhalten wirken musste.
Verwaltung und Stadtrat waren gleichwohl nicht bereit, dem Anliegen des Vereins zu entsprechen. Im Gegenteil. Es bedurfte des rechtlichen Instruments einer Bürgerversammlung. um das Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Es war die erste Versammlung auf Bürgerantrag in Aschaffenburg überhaupt. Am 15. März 1988 war die Turnhalle der Fachoberschule (Pfaffengasse) bis auf den letzten Platz gefüllt. Am Ende eines heftigen Rednerstreits sprachen sich 400 Bürger für eine Rekonstruktion, zehn dagegen aus. Am 18. April 1988 reagierte der Stadtrat und beschloss den Wiederaufbau. Der jahrelange Einsatz der Bürger gegen Verwaltung und Experten hatte sich gelohnt.
Am 8. September 1995 wurde das Haus eröffnet Die Baugeschichte ist ein eigenes Kapitel der Aschaffenburger Architektur. Die Pläne für das Haus sind nach den verfügbaren Unterlagen und vergleichbaren Beispielen entworfen. Anspruchvolle Nachschöpfung” nannte dies der verantwortliche Architekt Christian Lauffs, Die Konstruktion wurde aus fünf bis zehn Jahre gelagerten französischen Eichen errichtet, die Ausfachungen geschahen aus luftgetrockneten Strohlehmsteinen. Die nicht einfachen Probleme der Baugenehmigung bei einem solchen ungewöhnlichen Bau ließen sich meistern.
Die Löwenapotheke ist heute selbstverständlicher Teil des Stiftsplatzensembles. Dass sie eine Rekonstruktion darstellt, ist ihr kaum anzusehen. Gleichwohl handelt es sich nicht um ein “Disneyland”. Davon abgesehen, dass dieser Begriff schon wegen der Umgebung eines Amüsierparks eine nicht vergleichbare Situation betrifft, wollen weder Gegner noch Befürworter den Status verheimlichen. Die Löwenapotheke ist zu einem originellen Teil der Stadtgeschichte geworden. Dies gilt nicht nur für die Architektur des Bauwerks, sondern auch für die politische Auseinandersetzung zwischen Bürgerwille und Expertenherrschaft Es sollte noch einige Jahre dauern, bis das Einbeziehen von Bürgern in Entscheidungen zur Selbstverständlichkeit geworden war.
Die Perspektive aus der Pfaffengasse gehört zu den schönsten Partien der Stadt. In jüngster Zeit hat sich hier eine Gastronomie niedergelassen, von deren Außentischen das Stiftsplatzensemble wie auf einer Postkarte zu genießen ist. Erst in solchen Augenblicken der Muße wird den sonst eiligen Passanten der Wert der Löwenapotheke richtig bewusst.